Auf den Spuren einer Bärentatze - NGC 2537 und ihre Nachbarn

Wolfgang Steinicke

Die „Bear Paw Galaxy" NGC 2537 im Luchs hat, aufgrund ihres seltsamen Erscheinungsbilds, eine wechselvolle Geschichte. Der Name wurde Mitte der 70er Jahre von Ron Buta geprägt. Als er die Galaxie visuell mit dem 36 Zoll-Reflektor des McDonald-Observatoriums beobachtete, bemerkte er: „shaped like a bear-paw" (Form einer Bärentatze; s. Zeichnung in [1]). Der Name wurde später über die Webb Society [2] verbreitet. Man findet auch „Bear Claw" (Bärenklaue), wobei diese Bezeichnung auch für den Emissionsnebel NGC 6334 („Bear Claw Nebula") im Skorpion in Gebrauch ist - also Vorsicht bei Bären am Himmel.

Die Geschichte des Objekts beginnt am 6. Februar 1787 in Slough/England als William Herschel seinen 18,7" Reflektor (f/12,8) auf eine Gegend im Luchs richtete. Bei einer Vergrößerung von 157x entdeckte er einen „ziemlich hellen, runden Nebel von gleichförmiger Helligkeit mit dem Aussehen eines Planetarischen Nebels, aber etwas seltsam geformt, ein bißchen schwächer an den Rändern; Größe 0,75' oder 1', etwa 1' westlich eines recht hellen Sterns". Seine Bezeichnung IV 55 bedeutet: Objekt der Klasse IV („Planetary Nebulae") mit laufender Nummer 55. Visuell erinnert das Objekt in der Tat stark an den Eulennebel M 97, wie schon Malcolm Thomson bemerkte [2]. Allerdings schreibt Herschel 1811 aufgrund weiterer Beobachtungen, der Nebel sei wohl eher ein nichtaufgelöster Sternhaufen, aus einem ursprünglich diffusen, offenen Zustand zu einem konzentrierten Endzustand kontrahiert. Sein Sohn John hat dies übernommen und bemerkt 1833 aufgrund eigener Beobachtungen mit dem 18,7" (er hat das Objekt in seinen General Catalogue als G.C. 1629 aufgenommen): „Ziemlich schwach, rund, Durchmesser 60", recht einheitliche Flächenhelligkeit, aber an den Rändern verschwommen. Es ist ein aufgelöster Kugelsternhaufen. In einer besonders klaren Nacht sehe Ich Sterne, sie sind von 20. Größe; ein Stern 9.1mag steht 2' südöstlich". Man stellt sich natürlich die Frage, wie man mit einem 19 Zöller, selbst bei bestem (englischen) Himmel, visuell 20mag erreicht (das Gerät entspricht von der Leistung her nur einem modernen 12" f/10 Newton). Die Angabe soll wohl eher „extrem schwach" ausdrücken. Es war John Herschel's Beschreibung (im Mix mit den Notizen seines Vaters), die Dreyer in seinem New General Catalogue (NGC) von 1888 übernahm, denn dort steht: „Kugelsternhaufen, ziemlich hell, ziemlich groß, rund, in Sterne 20. Größe aufgelöst".

Bemerkenswert ist, dass Dreyer nicht Lord Rosse's Beobachtungen mit dem 72 Zöller berücksichtigt hat, denn immerhin war er von 1874 bis 1878 in Birr Castle [3]. Lord Rosse schreibt: „einige Sterne funkeln durch" (1849), „dunkle Stellen nördlich und südlich" (1851) und schließlich besonders interessant (Abb. 1): „kein Zweifel, es ist ein Spiralnebel" (1856).

Abb. 1 - Lord Rosse's Zeichnung von NGC 2537 = G.C. 1629 als „Spiralnebel".


Bis 1918 wurde das Objekt als Kugelsternhaufen geführt. Dann publizierte Heber Dous Curtis die Ergebnisse einer fotografischen Dokumentation von 762 Nebeln mit dem 36" Crossley-Reflektor des Lick Observatoriums auf dem kalifornischen Mt. Hamilton. Zu NGC 2537 schreibt er definitiv: „Dies ist kein Sternhaufen, sondern ein heller irregulärer Spiralnebel". Er verweist auch auf spektroskopische Untersuchungen mit dem 36" Refraktor des Sternwarte, und schreibt: „sieht aus wie ein Planetarischer Nebel, aber das Spektrum ist kontinuierlich". Etwa zur gleichen Zeit wurde NGC 2537 auch von Francis Pease mit dem 60" Reflektor am Mt. Wilson fotografiert. Er beschreibt das Objekt 1920 als „horseshoe" (Hufeisen) und bemerkt als erster einen „schwachen Flecken" von 20" Durchmesser, 4.6' östlich, der ein paar Jahre später unabhängig auch von Karl Reinmuth auf Platten des 40 cm-Bruce-Astrographen in Heidelberg gefunden wurde. Dies ist NGC 2537A, in der Bezeichnung des First Reference Catalogue von de Vaucouleurs (1964). Es gibt noch eine dritte, ebenfalls bemerkenswerte Galaxie in 17' SSE: IC 2233, der Prototyp der „superthin galaxies" [4]. Alle drei Galaxien (Abb. 2) haben eine sehr ähnliche Rotverschiebung (s. Tab. 1) und gehören, bei einer Entfernung von ca. 19 Mill. Lj., zur NGC 2841-Gruppe. IC 2233 wurde 1898 fotografisch von Isaac Roberts entdeckt. Es gibt noch eine ganze Reihe von schwächeren Galaxien im Feld, viele wurden bereits von Reinmuth 1929 entdeckt und später von Boris Vorontsov-Velyaminov im MCG katalogisiert. 1959 hat dieser NGC 2537 als wechselwirkendes System VV 138 beschrieben: „eher drei irreguläre in einem Nest, als SBd". Ähnlich ist auch die Beschreibung von Fritz Zwicky, der sogar vier Kerne lokalisiert. Allen Sandage vermutete eine Kollision von zwei Systemen („beide sichtbar"), bestehend aus dem äußeren Bogen (Hufeisen) und dem zentralen, länglichen Objekt. Für Halton Arp gehört das System (Arp 6) zur Klasse der „Spiralgalaxien mit geringer Flächenhelligkeit" (s. Foto in [5]). Markarian stellte einen UV-Excess fest (Mrk 86), der auf starke Sternbildung (junge, heiße Riesensterne) hindeutet.

Heute wissen wir, dass NGC 2537 eine blaue kompakte Zwerggalaxie vom Magellan'schen Typ ist, die einen Balken und viele Knoten aufweist [6]. Dies sind HII-Regionen, mit kräftiger Infrarotstrahlung und einer Ausdehnung von bis 200 pc (650 Lj.) - im Deep-Sky Observer's Handbook [2] werden daraus 200 kpc, was wohl ein Schreibfehler ist. Ebensowenig korrekt ist der Second Reference Catalogue (1976), wenn er NGC 2537A ebenfalls zu VV 138 rechnet. Konsequent macht der Sky Catalogue 2000.0 daraus NGC 2537A = VV 138 = Arp 6. Das war nicht im Sinne der Erfinder (Arp, Vorontsov-Velyaminov), denn die Bärentatze zeigt keinerlei Interesse an ihrem kleinen Begleiter!

Abb. 2 - Zeichnung des Autors von NGC 2537 (oben rechts), NGC 2537A (oben links) und IC 2233(unten links). 20" Dobson, 312x, 13.01.02.



Tab. 1 - Daten der Galaxien

Objekt NGC 2537 NGC 2537A IC 2233
Position 2000.0 08 13 14.4 +45 59 27 08 13 41.1 +45 59 34 08 13 59.0 +45 44 21
vis. Helligkeit 11.7 15.4 12.6
Größe, PW 1.7 x 1.5, 162° 0.6 x 0.6 4.7 x 0.5, 172°
Flächenhelligkeit 12.6 14.1 13.4
Typ SB(s)m SB(rs)c SB(s)d
RG 447 km/s 443 km/s 562 Km/s
Entfernung 19 Mill. Lj. 19 Mill. Lj. 20 Mill. Lj.
Namen UGC 4274, MCG 8-15-50, CGCG 236-35, PGC 23040, KIG 235, VV 138, Arp 6, Mrk 86 UGC 4278, MCG 8-15-51, PGC 23057 UGC 4278, MCG 8-15-52, CGCG 236-36, PGC 23071, FGC 730


Literatur

[1] Walter Scott Houston, Deep-Sky Wonders, Sky & Telescope, Februar 1980, S. 178

[2] Webb Society, Deep-Sky Observer's Handbook, Vol. 4 (Galaxies), 1981

[3] Steinicke, W., Mein Besuch in Birr Castle, is 19, S. 58 (2001)

[4] Steinicke, W., Superthin Galaxies, VdS-Journal, II/2000, S. 71

[5] Walter Scott Houston, Deep-Sky Wonders, Sky & Telescope, April 1985, S. 374

[6] de Vaucouleurs, G., Surveying Velocity Fields in Galaxies, Sky & Telescope, November 1981, S. 406